Die drei kolumbianischen Fachkräfte sind auf der Baustelle. Das Foto ist ein Gruppenbild mit Vertreter:innen des FIT for German Climate Businesses-Projekts, der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, des Betriebs DEHN Instatec und natürlich mit den Fachkräften in der Mitte der Gruppe.

Erfolgreiche Fachkräfteintegration: Von Kolumbien in die Oberpfalz

Es ist kurz nach elf am 2. September, als zwei große Sprinter vor einer Baustelle in Neumarkt halten. Mitten in der gediegenen Straße voller Einfamilienhäuser und einem großen Birnenbaum tummeln sich plötzlich über 20 Menschen. Aufgeregtes Erzählen und Gelächter ist zu hören. Der Anlass ist die Ankunft dreier kolumbianischer Fachkräfte, die von verschiedenen Winkeln Kolumbiens – aus Bogotá, Cali und Zipaquirá – in die mittelgroße Stadt in Bayern gereist sind. 

Seit diesem Sommer arbeiten Martin Fernando Piraban Alvarez, Ana Maria Hurtado Nopan und Ricardo Antonino Torres Ospina als Elektronikerin und Elektroniker bei der DEHN INSTATEC GmbH. Allerdings ist dieser Morgen kein gewöhnlicher Arbeitstag. Vertreterinnen und Vertreter der Projektpartner des Projekts FIT for German Climate Businesses (Bundesagentur für Arbeit, Zentralverband des Deutschen Handwerks und sequa) sind vor Ort, um sich einen Eindruck von der praktischen Umsetzung des Projekts zu verschaffen und die Fachkräfte persönlich willkommen zu heißen. 

Auf der Baustelle wird Oberpfälzisch geredet 

Da Martin bereits im Juni als erste kolumbianische Fachkraft im Rahmen des Projekts FIT for German Climate Businesses eingereist war, führte der Besuch nicht nur durch den Betrieb, sondern direkt zu seinem ersten Arbeitseinsatz: der Baustelle gegenüber dem großen Birnenbaum, die in ein paar Monaten ein Arbeitsamt sein wird. Baustellenleiter, Kollegen und auch der Geschäftsführer zeigten sich zufrieden. Damit geht er auch als gutes Beispiel für Ana und Ricardo voran, die erst Ende August in Deutschland landeten. 

Dabei dient er nicht nur als fachliches Vorbild, sondern auch als sprachliches: Martin gibt der anwesenden Presse ein paar Worte im neu erlernten Dialekt zum Besten – auf Oberpfälzisch. (Anm. d. Red.: Die anwesenden Projektpartner, die nicht aus Bayern stammen, haben sich unterdessen belehren lassen, dass das, was im nahegelegenen Nürnberg gesprochen wird – Mittelfränkisch – ein grundsätzlich anderer Dialekt ist.) 

Während Martin schon den Dialekt lernt, stehen Ana und Ricardo noch am Anfang. Schließlich sind sie erst Ende August eingereist. Doch die Übergangsphase ist nicht abstrakt, sie ist messbar in den Tagen, die zwischen Ankunft und erstem selbstverständlichen Arbeitsschritt liegen. Für die beiden stehen zunächst einführende Seminare auf dem Programm. 

Integration auf Bayrisch – was das konkret bedeutet 

Der gemeinsame Betriebsbesuch bei DEHN INSTATEC gab Anlass dazu, über die praktische Umsetzung des Projekts, die Integration der Fachkräfte und die Gewinnung von Fachkräften aus Drittstaaten im Allgemeinen zu sprechen.

„Unsere Kolleginnen und Kollegen unterstützen die neuen Mitarbeitenden von Anfang an. Diese Erfahrung bestätigt: Integration gelingt am besten, wenn alle mitziehen“, sagt Christian Hamann, Geschäftsführer der DEHN INSTATEC GmbH.

Ganz konkret bedeutet das: Martin bekommt demnächst ein Fahrrad vom Betrieb gestellt. So ist er auch nach Feierabend für Treffen mit Freunden und Kollegen mobil. Und während die Fachkräfte fachlich durchstarten können, kümmert sich Jakob Schreiner, der zuständige Fachkräfteeinwanderungsberater des Kammerbezirks der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, um Behördengänge, Termine und die sonstige Bürokratie, die oft genug dazu führt, dass sich Betriebe gar nicht erst auf die Suche nach internationalen Fachkräften machen. 

Genau hier liegt die Erkenntnis für andere Betriebe: Die echten Probleme beim Fachkräfteeinwanderungsprozess sind selten die Menschen selbst. Es sind Wartezeiten, Formulare, unklare Zuständigkeiten. Wenn jemand anderes das abfängt, bleibt im Betrieb Platz für das, was zählt: die Arbeit. 

Fachkräftegewinnung auf International 

Um auch direkt in die Arbeit einsteigen zu können, sind die Fachkräfte im FIT for German Climate Businesses-Projekt vor ihrer Einreise sprachlich bis zum Niveau B1 vorqualifiziert. Sie verfügen über einen Anerkennungsbescheid im Rahmen des BQFG (Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen), der ihnen eine teilweise oder volle Gleichwertigkeit zum deutschen Referenzberuf bescheinigt. Das Projekt organisiert Sprachkurs, Visum, Arbeitsmarktzulassung, Flug und begleitet beide Seiten durch den gesamten Prozess.

Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass die Rekrutierung in den Herkunftsländern bereits abgeschlossen ist. Das bedeutet, dass der Pool an Fachkräften sich nicht mehr erneuert. Wer also Bedarf hat, greift am besten auf die jetzt verfügbaren Fachkräfte zurück. Wer abwägt, sollte schnell abwägen. 

Eine Baustelle ist keine Insel 

Zurück in Neumarkt. Die Baustellenfahrzeuge rollen davon, der Birnenbaum steht wieder allein. Auf der Baustelle wird weitergearbeitet. Martin, Ana und Ricardo sind nicht für eine Saison hier.

„Die nächsten 20, 30 Jahre denke ich nicht daran, nach Kolumbien zurückzugehen“, sagt Martin im Interview mit der Presse. Für ihn war die Entscheidung für Deutschland endgültig. 

Für andere Handwerksbetriebe bleibt die zentrale Erkenntnis: Internationale Fachkräftegewinnung funktioniert dann, wenn sie von Anfang an gut strukturiert ist und im Betrieb nicht ein Mensch allein, sondern das ganze Team die Verantwortung übernimmt und wenn sie professionell begleitet wird. 

Wer jetzt prüft, ob sein Betrieb den nächsten Mitarbeitenden aus diesem Pool gewinnen könnte, sollte wissen: Die Türen stehen noch offen. Aber eben nicht mehr allzu lange. 

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➡️ Mittelbayerische 

➡️ Nürnberger Nachrichten (NN) 

 

Die Fotos für diesen Beitrag wurden freundlicherweise von Fotostudio Weidinger zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!